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Die derzeitigen Arbeiten an der Orangerie bezeichnet Prof. Helmut Böhme als „überflüssig und überzogen“.

Prof. Helmut Böhme ist ein überaus kritischer Geist. Das äußerst sich unter anderem in unzähligen Leserbriefen an die hiesige Tageszeitung, die ihm nicht nur Freunde einbringen. Der heute über 80-Jährige, ehemaliger Dozent am Technikum in Altstrelitz und Gründungsdekan der Hochschule Neubrandenburg, ist eine Kapazität in Sachen Bau und Stadtentwicklung und noch immer in Vereinen in Neustrelitz engagiert. Er besitzt einen großen Erfahrungs- und Wissensschatz, da kann man zu ihm und seinen Einschätzungen stehen, wie man will.

Deshalb habe ich mich entschlossen, das Angebot des Professors anzunehmen und seine Gedanken zu einigen aktuellen Themen in loser Folge zu veröffentlichen. Letztlich müssen meine Leser entscheiden, ob ihnen diese neue Farbe im Strelitzius Blog gefällt. Kommentare dazu – wie immer gern!

Denkmalspflege in der ehemaligen
Residenzstadt Neustrelitz?

Immer wieder kann man in Neustrelitz unbegreifliche Entscheidungen zum Denkmalsschutz beobachten. Das betrifft nicht nur die ältesten Anlagen wie das Schloss, sondern auch jüngere wie den Markt, die Strelitzer Straße oder die Gasanstalt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde in der sowjetischen Besatzungszone des zerstörten Deutschland und der späteren DDR die Meinung durchgedrückt, möglichst viel aus der Historie, nicht nur von 1933 bis 1945, zu beseitigen! Die komplette Vernichtung der Stadtanlage Strelitz durch willkürlichen Neubau gehörte genauso dazu wie die unnötige Sprengung des beschädigten Schlosses in Neustrelitz sowie vieler ähnlicher Anlagen in der DDR.

Jetzt hat das den Anschein, als ob die politische Wende von 1989 offenbar keine Änderung dieser Auffassung gebracht hat – anders sind die unverständlichen Entscheidungen seit der Zeit nicht zu begreifen. Lediglich einige völlig unversehrte Gebäude sind dieser Entwicklung nicht zum Opfer gefallen. So das junge Carolinum und die alte Orangerie. Das lag u.a. an der durchgehenden Nutzung von 1945 bis 1989 – es gab also kaum Gelegenheit zur Zerstörung.

Gefahr der Auslegung von Geschichte besteht

Die Denkmalspflege, die sich in Deutschland schon vor 200 Jahren entwickelte, hat in dieser Zeit viele Höhen und Tiefen durchschritten. Da es auf diesem Gebiet fast immer um Vorhandenes geht, werden oft Entscheidungen getroffen, die an sich nichts mit dem Bauwerk an sich, sondern mit seiner Geschichte zu tun haben. Das muß nicht von vornherein etwas Negatives sein, aber es besteht die Gefahr, daß die Geschichte im Sinne der gegenwärtig Regierenden, also Herrschenden ausgelegt wird. Auch gibt es Denkmalspfleger, die ihre Aufgabe mit der eines Künstlers verwechseln, der aus eigenem Antrieb Neues erfindet, also weniger den Erhalt der Historie beachtet, sondern eigene Deutungen „kreiert“. Es ist bekanntlich immer einfacher, Vorhandenes zu nutzen (oder zu missbrauchen?) um mangels eigener Qualitäten Erfolg zu haben.

In der Denkmalspflege sind  natürlich Personen mit mehr oder weniger Kompetenz, mit sehr verschiedenen Ansichten, Meinungen und mit Abhängigkeiten in ihrer Dienststellung, die Entscheidungen bearbeiten und da können diese Entscheidungen auch mal sehr umstritten sein. Ein Blick in die deutsche Geschichte seit 1945 genügt da vollkommen.

Hätten nicht Denkmalsleute in Dresden die völlig zerstörte Semperoper, diese komplette Ruine, solange durch Irreführung der Obrigkeit über den desolaten Istzustand (dem gegenüber war der Zustand des Neustrelitzer Schloßes ein perfekter Neubau!)  bis zu dem Zeitpunkt am Leben erhalten, bis die SED-Führung als Folge der internationalen Anerkennung den Wert historischer Anlagen erkannte und den Wiederaufbau in die Wege leitete, so würde heute die Semperoper mit Platz davor wie der Neustrelitzer Schlossberg aussehen. Damals wurde auch gemunkelt, daß die vollständige Beseitigung des Trümmerhaufens Frauenkirche u.a. durch Mitwirkung führender SED-Genossen verhindert wurde und der Ort clevererweise den Status eines historischen Mahnmals erhielt, es also keinen Grund mehr für die völlige Auslöschung gab! Es war im Osten offensichtlich oft von Leuten vor Ort abhängig, ob etwas erhalten oder vernichtet wurde. Bei einer Reihe von Schlössern und ähnlichen Anlagen aus der Vergangenheit, die mehr oder weniger beschädigt oder verwahrlost waren, zeigte sich dann die Haltung der Verantwortlichen.

Schlossreste zerstören, aber Luxus für Fledermäuse

In den „Nordbezirken“ der DDR war man sehr „fortschrittlich“ und hat viel mehr als im „roten“ Sachsen zugeschlagen und beseitigt, was das Zeug hielt! Jeder, der hier lebte, kann bestimmt Beispiele für diese Tragödie benennen! Und man fragt sich konsterniert, ist es heute immer noch so? Bei der Orangerie in Neustrelitz ist man für eine überflüssige und überzogene Rekonstruktion zur Herstellung des angeblichen Originalzustandes mit zweifelhaftem Nutzen, im Schlossgarten wird auf originaler Bepflanzung beharrt, auch wenn diese heute von Biologen als zum Teil nicht brauchbar erkannt wird, und die Hohenzieritzer Gedenkstätte wird nach Lust und Laune der gerade Zuständigen in Schwerin „zeitgemäß bearbeitet“? Wie passt das in die Denklinie der Schweriner Denkmalspfleger? Neustrelitzer Schlossreste gnadenlos zerstören, aber für Fledermäuse Luxusquartiere? Sich der einmaligen Stadtanlage in Europa brüsten, aber einen Allerweltsmarktplatz zum Vergessen, statt einer ebenso einmaligen Marktmitte?

Wobei beim Markt noch zu bemerken wäre,  dass seit Jahrzehnten in den Stadtzentren die alten Märkte ihre Funktion zunehmend verloren haben und man allerorten beobachten kann – sofern man schauen will -, dass die Märkte weitere Funktionen, also zum Verweilen, Erholen und natürlich auch Einkaufen erhalten! Der Neustrelitzer Markt ist dafür aber regelrecht abgetötet worden und auf dem Grundstücksmarkt, ein wichtiger Gradmesser für richtige Entscheidungen, ist paradoxer- und einmaligerweise in Deutschland dieser zentrale Platz nahezu wertlos geworden! Ist das Denkmalspflege à la Schwerin? Auch die historische Strelitzer Straße ist, pardon, versaut worden. Kaum begehbar, kaum befahrbar, kaum erlebbar – schon gar nicht nach Feierabend. Die Aufzählung von solchen unverständlichen Entscheidungen in der denkmalsgeschützten Innenstadt ließe sich fortsetzen. So die unpassenden Neubauten am Markt und am Buttelplatz mit der willkürlichen Veränderung der Historie durch Umsetzen des Denkmals eines Großherzogs, wogegen selbst das seinerzeitige ZK-Mitglied Helmut Sakowski protestierte.

Nicht auf Erhalt der Historie ausgerichtet

Und nicht zu vergessen, alle diese fragwürdigen Entscheidungen sind von den jeweils amtierenden MV-Denkmalspflegern in Stadt, Kreis und Land befürwortet worden! Eigentlich kein Wunder, wenn man lesen muß, was Frau Bock doch allen Ernstes an den Nordkurier u.a. geschrieben hat. „Aber hat nicht jede Zeit, jede Generation ihre Vorstellung gehabt, wie das Sterbezimmer der preußischen Königin auszusehen habe?“ Geht es beim Denkmalserhalt nach irgendwelchen Vorstellungen Heutiger? Ich dachte immer, es geht um möglichst originalgetreue und dem Wesen seiner Entstehungszeit gerecht werdende Darstellung?

Nun gut, die denkmalspflegerische Ausbildung in der sozialistischen DDR, die heute noch wirksam ist, war nicht auf Erhalt der Historie  ausgerichtet, und bei Hitler hatte man ja auch nicht gerade eine nachahmungswürdige Haltung zu historischen Bauten (man denke an den, nur durch den Krieg unterbrochenen, „Umbau“ von Berlin zur Welthauptstadt von Germania) oder nicht? Was soll also dieser verquere Hinweis auf jede veränderbare Ansicht zu jeder Zeit zu einem Denkmal? Oder hat man heute in Schwerin die einzig wahre Haltung zum Erhalt der denkmalgeschützten Bauwerke der MV-Landesliste gefunden? Wie soll man das verstehen, dass man zwar niemanden der „heutigen Generation“ kennt, der die jetzige Entwicklung begrüßt, aber gleichzeitig behauptet wird, eben diese Generation wolle das so und nicht anders? Wo ist diese fiktive Generation? Und wer darf sich denn zu dieser Generation zählen, gehören denn nicht alle Bürger dazu? Müssten dann nicht massenweise Diskussionen und Meinungsauseinandersetzungen im Lande, in Neustrelitz, also vor Ort stattfinden? Ich lese aber immer nur von knallharten Ablehnungen aus Schwerin und selbstherrlichen Entscheidungen, nicht nur durch subalterne Beamte, sondern auch von (demokratisch gewählten) Regierenden!

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