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Die nicht ganz neue Erkenntnis, dass nichts und niemand vollkommen ist, gilt auch für meinen Wecker. Dabei ist mein Zeitgenosse durchaus nicht von gestern, sondern verbirgt hinter seiner etwas antiquierten Fassade ein hochdigitales Innenleben. Außerdem kann er mit seinen beiden Glocken leuchten, wenn es Zeit zum Aufstehen ist. Den vielleicht schwersten Gang des Tages leitet er nicht nur visuell, sondern auch akustisch anschwellend ein. Anders ausgedrückt, es wird immer heller und immer lauter.

Nicht zu vergessen, dass der Star meiner Schlafzimmerkommode auch noch die Uhrzeit rot an die Decke projiziert, während er frontal verbergen kann, was die Stunde geschlagen hat. Ich leide ohnehin unter Schlafstörungen. Da ist das eine prima Möglichkeit, auch in Rückenlage bei sonstiger Dunkelheit immer ausrechnen zu können, wie viel Zeit bis zum Weckruf bleibt, eventuell doch noch oder wieder wegzudämmern. Kurzum, ein Wunderwerk der Technik, das sich selbstverständlich auch auf ganze Wochen, Werktage oder einen einzelnen in der Reihe der sieben Tage programmieren lässt. Wahlweise mit Musik oder Weckton. Nur eines haben ihm seine Schöpfer nicht eingehaucht, und genau da liegt der Wecker, ich meine der Hase im Pfeffer.

Das Weckgerät vermag nicht zu erkennen, wann ein Werktag keiner ist, weil er auf einen Feiertag fällt. So sind Oster- und Pfingstmontag oder auch Karfreitag und Christi Himmelfahrt beispielsweise nur durch Ausschlafen zu genießen, wenn man dem Teil am Abend zuvor den Ausnahmefall durch Abschalten der Weckfunktion zu begreifen gegeben hat. Was man auch prima vergessen kann. Derart können auch erste und zweite Weihnachtsfeiertage, 1. Mai oder 3. Oktober erholungsmäßig zum Auftakt voll daneben gehen, so sie nicht auf einen Sonnabend oder Sonntag fallen. Von Neujahr ganz zu schweigen. Es sei denn, man gehört zum Schwarm der frühen Vögel, die den Wurm fangen wollen. Ich nicht!

Warum ich das in aller Ausführlichkeit erkläre? Weil es mir ausgesprochen peinlich ist, am Pfingstmontag Punkt sechs Uhr mittels der berufsbedingten Morgenfreudigkeit der NDR 2-Moderatoren eventuell einige meiner Nachbarn aus dem Schlaf gerissen zu haben. Da es ansonsten sonn- und feiertags um diese Zeit totenstill bei uns in der Siedlung ist, dürfte die Einlage die halbe Straße hinunter zu hören gewesen sein. Zumal die Dachfenster ob der köstlichen Nachtluft offen standen. Zwar habe ich den Sprung von der Matratze an den Abstellknopf des Krawallbruders in unter zehn Sekunden geschafft. Was umso höher zu bewerten ist, da ich mich aus einem Wasserbett katapultieren musste. Trotzdem, es könnte nicht schnell genug gewesen sein.

Also an dieser Stelle ein „Tut mir so was von leid“ die Straße rauf und runter. In einem Fall allerdings sollten wir damit quitt sein. Einer meiner Mitmenschen hat dieser Tage eine Drohne über meinen Mittagstisch auf der Terrasse gehängt, den die Holde und meine Wenigkeit gerade frequentierten. Hat mich tierisch aufgeregt, ist aber nach der Weckerattacke abgegolten. Bin sowieso noch nicht dazugekommen, mir ein Luftgewehr zuzulegen.

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